Anthropologie ist die Wissenschaft vom Menschen, die Menschenkunde, und gibt Antworten auf die Frage: »Was ist der Mensch?« Die Existenz des Menschen und die damit einhergehenden Fragen werden zeitgenössisch durch die reduktionistischen, damit regressiven Lebensanschauungen und anthropologischen Konzeptionen der Biologie, Psychologie, Soziologie, analytischen Philosophie usw. beantwortet. Das primäre Faktum der Erfahrung, das daraus resultierende Erfahrungswissen, wird ausgeblendet und missachtet. Im Gewirr der statischen Theorien, die dem Menschen vorgaukeln, was er ist, was Liebe ist, was das Herz ist, geht dieser selbst verloren. Der Zustand der unterjochten Gefühle, des Risses zwischen Denken und Fühlen, zwischen Kopf und Herz, der Verbannung der sogenannten negativen Emotionen, der missachteten vorgedanklichen intuitiven Intelligenz usw. beeinträchtigt nach wie vor die Urteilsfähigkeit des Menschen. Die Konsequenzen, die den Bruch der existentiellen Selbstgewissheit widerspiegeln, sind erlebte Unsicherheit, Verwirrung und Minderwertigkeit sowie erfahrener Sinnverlust.
Wissen allein ist nicht ausreichend, um Sinnkrisen im Leben mit Erfolg meistern zu können. Die Fähigkeit sich den Problemen und Herausforderungen des Lebens auf angemessene Weise stellen zu können, um an ihnen zu wachsen, kann nur dann gegeben sein, wenn der Mensch sich im Ganzen erfährt, sich als Teil der Schöpfung fühlt und empfindet, dass er wertvoll ist. Finden die intuitiven, emotionalen, kreativen und spirituellen Fähigkeiten des Menschen Beachtung, geschieht Herzensbildung, die sich letztlich im sinnvollen Umgang mit dem Spezialwissen erweisen wird, jenseits der Halbbildung.
Das Kümmern um das Selbstwertgefühl (sich selbst wertzuschätzen: Wertschätzung), das Selbstvertrauen (sich Dinge zuzutrauen und zu vertrauen: Urvertrauen) und das Selbstbewusstsein (sich seiner selbst bewusst zu sein: Bewusstheit) sind die Hauptpfeiler einer ethischen und ästhetischen Persönlichkeitsbildung. Fähigkeiten der Kommunikation und damit einhergehender kreativer und bewusster Umgang mit Krise, Konfrontation, Konflikt, Kritik gehören zum Grundbestand der existentiellen Handlungskompetenz. Die Entfaltung der im Menschen schlummernden Potentiale kann durch die Schulung von Feinfühligkeit bzw. Fingerspitzengefühl gefördert werden.
Keine Selbsterkenntnis ohne Herzkenntnis!
»Erkenne dich selbst!« — So lautet der Grundauftrag der Persönlichkeitsbildung, die in der Frage »Wer bin ich?« mündet. Dabei ist die Selbsterkenntnis, die jeder anderen Erkenntnis vorangeht, an die Selbstwahrnehmung gekoppelt. Die Verbindung von Selbsterkenntnis und Sinnerkenntnis führt im Sinne von ›herzsichtig‹ zu dem Ergebnis: keine Selbsterkenntnis ohne Herzkenntnis. Die Schulung des Herzsinns — Sinn für die Mitte, Sinn für das Ganze, Sinn für die Fülle, Sinn für die Liebe — ist maßgeblich für die Menschenkenntnis.
von Ilknur Özen
aus dem Nachwort der Anthologie herzsichtig?! (Mainz 2014)
aus dem Nachwort der Anthologie herzsichtig?! (Mainz 2014)
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